Buhlen um die Besten

Die deutsche Wirtschaft plagt der Fachkräftemangel: Laut einer DIHK-Umfrage können mehr als ein Drittel der Unternehmen offene Stellen kurzfristig nicht besetzen. Der Verband spricht von 1,3 Millionen betroffenen Arbeitsplätzen. Viele Industriebetriebe in Nord-Westfalen setzen deshalb verstärkt auf die Ausbildung des eigenen Nachwuchses und entwickeln immer kreativere Ideen, um sich als attraktiven Arbeitgeber zu präsentieren. Das Buhlen um die Besten ist eröffnet.

Pia Verwohlt ist stolz auf ihr Werkstück.
Pia Verwohlt ist stolz auf ihr Werkstück.

Ein bisschen mulmig war es Pia Verwohlt schon zumute, als sie im August vergangenen Jahres im Flieger saß. Schließlich war es das erste Mal, dass sie allein ins Ausland reiste. Ihr Ziel: Porící nad Sázavou, ein 1000-Seelen-Nest in der Nähe von Prag. In der tschechischen Niederlassung ihres Arbeitgebers Kemper – einer der führenden Hersteller von Absaug- und Filteranlagen für die metallverarbeitende Industrie mit Stammsitz in Vreden – sollte die Auszubildende zur Industriekauffrau in zwei Wochen die Produktion von Grund auf kennenlernen.  

"Klar ist, dass unser Bedarf an hervorragend qualifiziertem Personal auch in Zukunft weiter wachsen wird. Deshalb ist die systematische Nachwuchsausbildung in unserem Betrieb ein wesentlicher Faktor, um dauerhaft im internationalen Wettbewerb bestehen zu können", erklärt Elisabeth Richter, Ausbildungsleiterin bei Kemper. Im vergangenen Jahr wurde der interne Ausbildungsfahrplan komplett überarbeitet und optimiert. Lag bei den kaufmännischen Azubis der Ausbildungsschwerpunkt in der Vergangenheit eher auf den Bereichen Beschaffung, Vertrieb und Buchhaltung durchlaufen sie nun alle Abteilungen im Unternehmen und lernen so auch die Produktentwicklung, den Bereich Service und Montage und die Produktion kennen. Der zweiwöchige Auslandsaufenthalt an der Produktionsstätte in der Nähe von Prag ist Teil dieser Ausbildungsoffensive. Ganz bewusst werden die Azubis nacheinander nach Tschechien geschickt. Schließlich sollen sie auch lernen, selbstständig zu sein, so Richter.

Pias anfänglichen Vorbehalte wurden schnell widerlegt. "Die Reise war sehr gut organisiert, und ich wurde in Tschechien herzlich in Empfang genommen." Nun hatte sie zwei Wochen lang Zeit, ein eigenes Werkstück zu fertigen – von der Idee über die Zeichnung bis hin zum Laserschneiden, Kanten, Schweißen und Pulverbeschichten der Bleche. Ganz nebenbei lernte sie dabei alle Arbeitsschritte in der Produktion kennen. "Mit den großen Maschienen zu arbeiten war richtig toll", schwärmt die 22-Jährige. "Wie unsere Produktion eigentlich abläuft, konnte ich mir vorher ehrlich gesagt nicht richtig vorstellen. Und dies alles im Ausland erleben zu dürfen, war natürlich ein weiteres Highlight."

Hoch hinaus: Ausbildung bei Ruthmann

Stiegen in luftige Höhe: Schüler beim Ruthmann-Ausbildungstag
Stiegen in luftige Höhe: Schüler beim Ruthmann-Ausbildungstag

International erfolgreiches Engagement und Nachwuchssorgen in der Heimat treiben viele Industriebetriebe in Nord-Westfalen um. So auch Ruthmann aus Gescher-Hochmoor. Die Ruthmann-Produkte STEIGER und CARGOLOADER - LKW-Hubarbeitsbühnen und Spezialtransport-LKW mit heb-, senk- und wechselbaren Ladeflächen – werden weltweit überaus erfolgreich vertrieben. 2011 war die Exportquote mit 33 Prozent so hoch wie nie zuvor. Den Nachwuchs sucht man allerdings vor der eigenen Haustür. Den Beitritt zur nord-westfälischen Akzeptanzoffensive "In|du|strie – Gemeinsam. Zukunft. Leben." verknüpfte das Unternehmen mit einem Ausbildungsinfotag für Schüler aus der Region. Hier konnten die Jugendlichen jeden Teil des Unternehmens genau unter die Lupe nehmen und, etwas Mut vorausgesetzt, auf einem Steiger in luftiger Höhe einmal eine ganz andere Perspektive einnehmen. "Mit dem Beitritt zur Akzeptanzoffensive haben wir uns zur Transparenz verpflichtet", bekräftigt Geschäftsführer Rolf Kulawik. "Deshalb möchten wir uns noch weiter öffnen und allen Interessierten Einblick in unser Unternehmen geben." Insbesondere an junge Menschen richtet sich das Angebot. Auf Anfrage bietet Ruthmann Betriebsbesichtigungen, engagiert sich auf Veranstaltungen zur Berufsorientierung in den umliegenden Schulen sowie auf Messen und bietet ein umfangreiches Praktikumsangebot.

Erfolgsmodell Schulkooperationen

Beumer ermöglicht Schülern und Azubis ein gemeinsames Projekt.
Beumer ermöglicht Schülern und Azubis ein gemeinsames Projekt.

Auch bei der Beumer Group aus Beckum setzt man darauf, Schülerinnen und Schüler schon früh für das Unternehmen zu begeistern. Der international führende Intralogistik-Hersteller kooperiert mit zahlreichen Schulen aus der Region. Ein Beispiel dafür ist die Zusammenarbeit mit Schülern der Jahrgangsstufe 12 des Johanneum Gymnasiums in Wadersloh. Sieben Oberstufenschüler arbeiteten bei Beumer gemeinsam mit sechs Auszubildenden aus dem ersten Lehrjahr an einer hydraulischen Abkantpresse. Diese Abkantpresse soll für Ausbildungsarbeiten eingesetzt werden. Das Engagement der jungen Leute zeigt, dass sie so ein Angebot aus der Industrie gerne annehmen und sich dafür auch richtig ins Zeug legen – vorausgesetzt die Betreuung stimmt. "Der Ausbildungsstellenmarkt hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Nach jahrelanger Bewerberflut herrscht nun langsam Ebbe", erklärt Michael Dilla, Leiter der technischen Berufsausbildung bei Beumer. "Deshalb versuchen wir in diversen Projektarbeiten eine gute Beziehung zwischen unseren Auszubildenden und den Schülern aufzubauen und durch eine partnerschaftliche Betreuung und Beratung durch unsere Ausbilder Vertrauen zu schaffen."

Im Gegenzug wird aber auch den Schülern einiges abverlangt – auch den Gymnasiasten aus Wadersloh. Vor dem Start des eigentlichen Projekts nahmen sie freiwillig in den Herbstferien an einer 3D-CAD Schulung bei Beumer teil. Nachdem sie so die Grundvoraussetzungen für den Bau der Abkantpresse erworben hatten, ging es los. In Absprache mit der Schule trafen sich Schüler und Azubis nun mehrmals in der Woche im Betrieb. Dann wurde konstruiert und berechnet, Angebote einholt, Bestellungen ausgelöst, gemeinsam ausprobiert, getüftelt und gebaut. Zudem mussten Dokumente erstellt und Präsentationstechniken gelernt werden. Im März 2012 endete die dreimonatige Durchführungsphase mit einer Präsentation der Abkantpresse vor großem Publikum.

"Hier wuchsen junge Talente zusammen, die sich gegenseitig begeisterten", so Dilla. "Man spürte, dass es ihnen Spaß macht, selber anzupacken, eigenständig zu arbeiten, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Sie mussten sich an das vorgegebene Budget halten und alle Preise selbst vereinbaren. Die Anlage muss alle Sicherheitsstandards erfüllen und eine hohe Funktionalität erreichen. Hierbei gab es eine ganze Menge zu lernen."

Auch Pia Verwohlt, die Auszubildende bei Kemper, hat viel aus Tschechien mitgenommen. Sie kennt nun ihr Unternehmen von der Pike auf und konnte sich im Ausland gut beweisen. Und natürlich ist sie auch stolz auf ihr selbst produziertes Werkstück: "Mein Baum hat bei mir zu Hause einen Ehrenplatz als Schmuckständer. Sieht hübsch aus."