Nicht klagen, entwickeln

Der Phoenixsee in Beckum mit dem Cemex-Zementwerk im Hintergrund.
Der Phoenixsee in Beckum mit dem Cemex-Zementwerk im Hintergrund.

Die Stadt Beckum wird geprägt von einem der wichtigsten Industrierohstoffe – dem Kalkstein. Mächtige Steinbrüche, ehemalige Abbauflächen und große
Industrieunternehmen prägen das Stadtbild. Das Miteinander von Industrie, Bürgern und Verwaltungen hat sich in gut eineinhalb Jahrhunderten eingespielt.

Gut drei Meter unter Beckum liegt schon der erste Kalk. "Die Beckumer sagen: Der beste Kalkstein liegt mitten unter der Stadt", erzählt Heinz-Josef Heuckmann und lacht. Er ist Leiter des Fachdienstes Umwelt und Grün der Stadt Beckum. Nur etwa 20 bis 30 Meter dick ist die Schicht des Rohstoffs. Aber der ist von besonderem Wert für die Zementindustrie, weil der Kalkstein unter Beckum einen hohen Kalcit-Gehalt hat und daher besonders wertvoll ist. Kalk macht Stahl hart. Kalk sorgt für tragfeste und stabile Straßen. Aus Kalk entstehen Papier, Glas, Zucker und sogar Medizin. Nirgendwo in Deutschland gab es so viel Zementindustrie auf so wenig Fläche wie im südlichen Kreis Warendorf um das 111 Quadratkilometer große Beckum. Auf 15 Prozent der Stadtfläche wurde und wird Kalkstein abgebaut. Oder genauer gesagt Kalkmergel, der aus zwei Dritteln Kalk und einem Drittel Ton besteht und sich besonders gut für die Zementherstellung eignet.

Weltgrößte Zementmulde
Juniorchef Marcel Krogbeumer in den Kalksteinbrüchen der Firma Phoenix.

Rund 37 000 Beckumer leben mit und von ihrer Industrie – spätestens seit 1872 dort das erste Zementwerk eröffnete. 1930 war dann das Beckumer Revier mit 32 Zementwerken die größte Zementmulde der Welt. Davon sind geblieben: die CEMEX WestZement GmbH, die zum drittgrößten Zementhersteller der Welt gehört, und die Phoenix Zementwerke Krogbeumker GmbH & Co. KG. Daran, dass Phoenix "das einzig verbliebene familiengeführte Zementwerk im Umkreis" ist, macht sich für den 30-jährigen Marcel Krogbeumker der enorme Wandel fest, den die Branche in den vergangenen Jahrzehnten durchlebt hat. Phoenix hat sich als echter Mittelständler mit rund 100 Mitarbeitern im Zementmarkt behauptet. Nächstes Jahr wird das von Landwirt Caspar Krogbeumker und Kaufmann Salomon Stein zusammen mit weiteren Beckumer Bürgern gegründete Unternehmen 100 Jahre alt.

Hundert-Jahre-Kategorien

"Steinbrüche – darüber darf man nicht klagen, sondern die muss man entwickeln", sagt Heinz-Josef Heuckmann. Er sitzt in seinem kleinen Dienstzimmer in der Beckumer Stadtverwaltung. Seit zwei Jahrzehnten verfolgt und begleitet er, wie seine Stadt mit dem Rohstoff und dessen Abbau lebt. "Die Zementfirmen denken in Kategorien von hundert Jahren", sagt Heuckmann. "Wir wissen aus den Gesprächen heraus, wo es weitergehen soll." Mit dem Finger auf der Landkarte vor sich kann Heuckmann locker bis ins Jahr 2050 marschieren. Dort ist mit Kreisen und gezackten Linien markiert, wo wer in und um Beckum abbauen möchte und darf. "In den nächsten fünfzig Jahren geht es in Beckum in diese Richtung", sagt Heuckmann und zeigt, wohin sich die Abbauflächen entwickeln werden. Auf seiner Karte ist auch schon markiert, zu welcher Nutzung die Abbauflächen nach der Abgrabung rekultiviert werden, ob sie also zu landwirtschaftlichen Flächen, zu Erholungs- oder Naturschutzflächen werden. Der volkswirtschaftlich bedeutsame Abbau heimischer Bodenschätze steht oft in Konflikt mit Natur- und Landschaftsschutz, dem Siedlungsraum, der Landwirtschaft, der Wasserwirtschaft und der Verkehrsplanung. Heuckmanns Fachdienst Umwelt und Grün agiert dabei als eine Art interne Naturschutzbehörde. Auch wenn wegen der Konzernverflechtungen der überwiegende Teil der Gewerbesteuer nicht mehr vor Ort anfällt, wie Rudolf Grothues von der Geografischen Kommission für Westfalen feststellt, also auch die wirtschaftliche Bedeutung der Zementindustrie für die Stadt sinkt.

Nutzungs- bis Rekultivierungsplan
Heinz-Josef Heuckmann
Heinz-Josef Heuckmann

Unter Federführung der Stadtplanung und Heuckmanns Mitwirkung wird Raumordnung Wirklichkeit, wird aus Landesentwicklungs-, Regional- und Rahmenplänen Landschaft. Für Beckum gibt es bereits seit 1980 einen Gesamtrekultivierungsplan. Vorher gab es keine weitreichenden Überlegungen für die Zeit nach dem Abbau: "Das waren die Kuhlen, die oft mit Müll zugekippt wurden.“ Mit Hausmüll, mit Bauschutt. „Der freiwillige Gesamtrekultivierungsplan hat sich als lokales Planungsinstrument bewährt", ist daher Heuckmanns Fazit. Für jeden Steinbruch gibt es heute einen Abgrabungsplan. "Und den Plan gibt’s auch für Rekultivierung und Folgenutzung – mit Anfang und Ende", betont Heuckmann. Der Grundsatz jeder Rekultivierung ist auch eindeutig: "Der Eingriff in Natur und Landschaft durch Abgrabung muss durch Rekultivierung auch mindestens wieder ausgeglichen werden."

In den gut drei Jahrzehnten hat sich viel getan – auch das ist in der Karte zu sehen. Damals in den 1980er-Jahren gab es noch viel mehr gelb markierte Flächen für geplante Erweiterungen des Abbaus, zeigt Heuckmann. Und bei den Folgenutzungen sollten noch viel mehr landwirtschaftliche Nutzflächen entstehen. Oder Wasserflächen, wie der im Sommer bei Besuchern aus einem weiten Umkreis beliebte Phoenix-See, ein gefluteter Steinbruch mit naturnaher Erholung rundherum. Seit der Überarbeitung des Plans im Jahr 2000 sind deutlich mehr Naturschutzflächen vorgesehen.

Zuschauen statt pflanzen

Längst hat sich gezeigt, dass die sogenannte Sukzession in Steinbrüchen das ökologisch und biologisch bessere Ergebnis bringt als die klassische Rekultivierung. "Wir pflanzen heute keinen Forst mehr an, wir schauen zu, wie die Flächen sich zu Wald entwickeln", beschreibt Heuckmann das naturschutzorientierte Vorgehen: "Oder zu Feuchtbiotopen. Oder zu Trockenrasen. Das wird alle paar Jahre begutachtet. Und das hat sich so bewährt." Bereits vor 20 Jahren zeigten Untersuchungen der Artenvielfalt in aufgelassenen Steinbrüchen, dass die Abbaustätten der Zementindustrie für einen Teil seltener und gefährdeter Arten den ursprünglichen Lebensraum in der Kulturlandschaft ersetzen. Und wenn Hilfe beim Pflegen gebraucht wird, legen auch mal - wie im vorigen Herbst - die Auszubildenden der Beckumer Industrie Hand an und lernen so nebenbei sehr viel über die Natur in den heimischen Steinbrüchen. Noch Mitte des vorigen Jahrhunderts lag sommers wie winters ein weißer Staubschleier über der Hauptstadt des Zements. Die Zementwerke haben seitdem nicht nur die Abluft vom Staub gereinigt. Sie haben auch auf Ersatzbrennstoffe gesetzt. Die Folge laut Heuckmann: "Es kommen weniger Schadstoffe in die Öfen. Und es kommt oben deutlich weniger raus." Die Luft über Beckum ist besser geworden, stellt der Umweltexperte fest.

Auf die stärkere Nutzung alternativer Brennstoffe setzt Phoenix aber auch noch aus einem anderen Grund. In der energieintensiven Zementindustrie ist Energie ein wichtiger Kostenfaktor. Deshalb soll in einem früheren Abbaubereich ein kleiner Windpark entstehen. "Damit könnten wir gut die Hälfte unseres Strombedarfs decken", unterstreicht Krogbeumker.

Rückläufige Zementproduktion

In Beckum ist zu besichtigen, wie Industrie, Bürger und Verwaltungen zusammenarbeiten können. Seit mehr als zehn Jahren setzt sich der Verein Beckumer Industrie, ein Verbund aus 15 Industrieunternehmen, aktiv für die Stärkung und Weiterentwicklung des Standorts ein. "Es gibt bei uns zur Gesamtrekultivierungsplanung freiwillige Vereinbarungen mit der Zementindustrie: Wir machen das gemeinsam." So halten sie es im Prinzip seit 1980. "Die Grundzüge des Umgangs leben vom Miteinander und gegenseitigem Vertrauen – auf freiwilliger Basis", sagt Heuckmann. Zusammen mit dem Kreis, dem ehrenamtlichen Naturschutz und den Fachplanern der Zementindustrie "schauen wir uns heute jeden Steinbruch jedes Jahr einmal an und stimmen die Maßnahmen im Detail ab". Nur, ob es denn bis 2050 alles so kommt, wie es in den Plänen steht, ist offen. Die Kalksteinförderung und Zementproduktion in ganz Deutschland sind rückläufig. Früher habe die Industrie beispielsweise für Zemente andere Mischungen verwendet, erläutert Heuckmann, die mehr Klinker und damit mehr Kalkstein erforderten. Die Folge: "Der Rohstoffbedarf hat sich halbiert." Die Konsequenzen für Beckum: In den Steinbrüchen wird fast doppelt so lang abgebaut. Und auch die Rekultivierung "verschiebt sich damit deutlich nach hinten". Wie schnell sich Industrie auf verändernde Märkte einstellen muss, das hat Beckum vor einigen Jahren noch erlebt. Dyckerhoff hat seinen Steinbruch nördlich der Autobahn geschlossen, in dem er 17 Jahre abbauen wollte. Das Unternehmen hat sich für sein moderneres Werk in Lengerich entschieden, erzählt Heuckmann. "Vor zehn Jahren hatten wir noch vier Zementwerke in Beckum und eins im benachbarten Ahlen-Vorhelm. Jetzt haben wir noch zwei aktive Werke." Um verlassene Stätten der Industriekultur und neue Landschaftsoasen um das Beckumer Zementrevier geht es auch bei der 27 Kilometer langen "Zementroute", die auch die vier Stadtteile verbindet. Mit dem Fahrrad können sich Besucher die Industrie erschließen, inklusive Sichtfenster in den laufenden Abbau. "Siedlungsmäßig zusammenwachsen" können aber die Ortsteile Beckum und Neubeckum nie, deutet Heinz-Josef Heuckmann auf die Landkarte, "denn dazwischen liegt der Kalkstein." Das ist halt so in Beckum.

VOLKER PIEPER / WERNER HINSE


Fotos: Bernd Fernkorn